Eines Tages, da werde ich endlich das tun können, was mir nur noch Spass macht.
Eines Tages, wenn ich in der Rente bin, werde ich alle Bücher lesen, die schon so lange in meinem Schrank stehen.
Eines Tages in der Rente, werde ich nur noch Dinge tun an denen ich Freude habe, wie z.B. endlich stundenlang in den Bergen herum klettern, Kaffee trinken mit Freunden in der Stadt, ins Kino gehen, barfuss im Sommer über noch feuchte Wiesen laufen, ganz verrückte Dinge tun, wie mir endlich einen Hut kaufen, ans Meer fahren, mitten im Winter am Strand den sich im Sturm brechenden Wellen lauschen, das ewige Auf und Ab der Gezeiten beobachten und mir den Wind um die Nase wehen lassen, danach Tee trinken der mich wieder erwärmt.
Oh, was freue ich mich auf endlich mehr Zeit für mich.
Der letzte Tag im Amt, die Sektgläser klirren, ein dicker Blumenstrauß wird mir überreicht, einer der Chefs hält eine Dankesrede für so viel Firmentreue und geleistete Überstunden. Applaus, herzliche Umarmungen und gute Wünsche. "Besuch uns mal, wenn Du Zeit hast", rief Renate mir noch am Auto zu.
"Du bist nun endlich frei, das zu tun, was Du gerne möchtest", hörte ich meine innere Stimme, ein (noch) ganz herrliches Gefühl.
Der nächste Morgen lud nun zum Ausschlafen ein, dachte ich.
Um 6.00 Uhr, wie sonst jeden Tag, saß ich kerzengerade im Bett. "Du wolltest doch ausschlafen", hörte ich ein feines Stimmchen in mir. Ach ja, ich bin ja ab heute dienstbefreit.
Wenn ich nun glaubte, endlich all meine Pläne in die Tat umzusetzen, hatte ich mich gründlich geirrt.
Jeden Tag war war ich davon ganz weit weg:
"Kannst Du mal die Kinder nehmen, wir würden so gerne mal ausgehen und dann länger schlafen."
Meine Freundinnen haben mich für diverse ehrenamtliche Dienste gleich mal mit verplant,
mein Mann meint, wo ich doch nun zu Hause bin, könnte ich doch auch mal Marmelade kochen und und mich im Garten bei Kartoffeln und Gemüse nützlich machen.
Meine Schwiegermutter Hilde ruft nun fast täglich an, will gern zur Fusspflege gebracht werden und später noch zum Doktor. Ich könnte da ja solange warten, bis sie fertig ist, ich hätte ja jetzt Zeit. Und auf den Friedhof müsste sie auch mal wieder, nur da will sie meine Hilfe, um das Grab von Vati in Ordnung zu bringen und neu zu bepflanzen. Das könnte ich ja nun in Zukunft übernehmen, denn ich hätte ja... nun was wohl?
Mein 'ihr könnt mich mal alle gern haben -Pegel' hatte nun seinen höchsten Punkt erreicht.
Ich zichelte ein: "aber sicher Hildchen, alles wie Du es gern hättest" durch die Lippen und beendete das Gespräch.
Ich fragte mich, wie ich es je geschafft habe, täglich in die Arbeit zu gehen.
Ich zog mir meine Jacke an und rief meinem Mann zu: "ich bin mal eben weg."
"Kommst Du auch wieder?" meinte er lachend.
In einem Kaffee gemütlich sitzend dachte ich lange nach.
Wieder zu Hause angekommen, sagte ich:
"Harry, wir müssen reden: nächste Woche fahren wir nach Sylt, wir werden herrliche Spaziergänge machen und hinter dem Deich Tee trinken.
Hildchen geht für ein paar Tage in die Tagespflege und meine Freundinnen schaffen die ehrenamtlichen Arbeiten auch ohne mich."
Hurra, ich bin eine Senioren und endlich in meinem neuen Leben angekommen!
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