Explosives Glücksgefühl

veröffentlicht: Februar 12, 2020 von Monika R.

Lichtpuls, buntNach Büroschluss entdeckte Annemarie im Schaufenster der Buchhandlung den Titel: Wege zum Glücklichsein.
Ohne lange zu zögern, kaufte sie die angepriesene Lektüre mit dem festen Willen, endlich ihre Melancholie zu überwinden. Nichts ging ihr mehr von der Hand, sie verlor sich in scheinbar fest sitzenden Problemen, wenn sie einschlafen wollte. Überall sah sie sich angegriffen und schlecht behandelt.
Ihr Chef beachtete sie kaum, wenn sie zum Diktat gerufen wurde. Schmerzlich vermisste sie ein Wort des Lobes für ihre stets hervorragende Arbeit. Sie hörte höchstens:
„Bringen Sie das sofort zu Herrn oder Frau Sowieso, es eilt!"
Mit ihren Kollegen und Kolleginnen wechselte sie in der Kantine nach dem üblichen: "Mahlzeit!" nur einige Floskeln, wie: „Der Salat schmeckt stark nach Essig" oder "der Pudding ist zu süß!"

Einen festen Freund suchte sie auch noch vergebens, trotz mehrerer Versuche bei bekannten Partnerschaftsinstituten und Internetbörsen. Oft suchte sie den Grund für ihr angebliches Pech in ihrem Spiegelbild. Eigentlich war an der wohlproportionierten 30-jährigen alles gutzuheißen, obwohl sie selbst mit ihrem Aussehen selten zufrieden war. Die alte Frisur, ein schlichtes Kleid, ihre Laune aufzuhellen scheiterte bei Annemarie derzeit auf der ganzen Linie..
Mit schwachem Appetit füllte sie ein Gericht vom Eismann in einen Kochtopf und stellte ihn auf den Gasherd.
Im Nebenzimmer klingelte das Telefon. Annemarie lief hinüber und nahm den Hörer ab:
„Hier spricht der Service ihrer Kommunikationsgeräte. Wir hätten ein besonders günstiges Angebot für Sie!"
„Nicht schon wieder!", empörte sich Annemarie.
Genervt schaltete sie den Glockenton ihres Telefons aus, um ihr Wochenende für sich bleiben zu können.

Da fiel ihr Blick auf ihren Glücksratgeber. Neugierig schaute sie auf die erste Seite: „Glück ist die Erfüllung von Kinderwünschen", las sie.
Dem Ausspruch Sigmund Freuds folgte die Anweisung, sich dieses Gefühl der Kindheit wieder ins Gedächtnis zu rufen mit der einfachen Geste, die silbrigen Fallschirme des Löwenzahns wegzupusten mit all den Sorgen, die einen grämten.
Annemarie versuchte einzutauchen in die Erinnerung, wie sie als Kind tief Luft geholt hatte, um mit einem Ausschnaufen die Löwenzahnsamen zu verstreuen. Es sollte sich auch ein Herzenswunsch erfüllen, wenn die kräftige Brise die filigranen Fäden vom Blütenstempel riss.

Mit der Leichtigkeit ihrer Kindheit lief Annemarie in den Garten und pflückte voller Freude eine samtige Wunschkugel.
Sie atmete tief ein und im Glücksgefühl, dass sich ganz im Sinne des Ratgebers bei ihr einstellte, pustete sie aus dem innersten ihrer Seele.
Im selben Moment, als sich die Löwenzahnsamen in die Höhe hoben, hörte sie einen lauten Knall. Die Fenster ihrer Küche zersprangen und die Flammen schlugen aus dem Obergeschoss.
Nach einer Schrecksekunde erinnerte sie sich, dass sie, ob ihrer Glückslektüre, den Topf auf dem Gasherd vergessen hatte. Zitternd wählte sie die Nummer der Feuerwehr, die sie in ihrem Handy vorsorglich eingespeichert hatte. Schnell war diese zur Stelle und löschte den Brandherd.
Behutsam führte sie der Feuerwehrmann ins Haus und zeigte ihr die verkohlte Küche. Es stank nach Rauch und verbranntem Gummi. Der Kochtopf war explodiert und die Einrichtung hatte schnell Feuer gefangen.
Annemaries Augen füllten sich mit Tränen.

„Es sieht wirklich schlimm aus. Doch Sie haben ja noch einmal Glück gehabt, dass Sie außerhalb des Hauses waren!", wollte der Feuerwehrmann die Niedergeschlagene trösten.
Annemarie starrte ihn entgeistert an und fiel in Ohnmacht, direkt in seine Arme. Der fürsorgliche Helfer trug sie nach draußen und setzte sie behutsam auf einen Stuhl.
Nach mehrmaligem guten Zureden wachte Annemarie auf, und ihr Elend brach aus ihr heraus. Sie beklagte sich über ihr Alleinsein und gestand, dass sie sich momentan außerstande sah, die Schäden der Explosion zu beseitigen:
„Ich kümmere mich gerne um die Reparaturen, wenn Sie es wollen!", beruhigte sie ihr Retter und streichelte sanft über ihr verrußtes Gesicht. Sie können so lange bei mir wohnen, denn erst gestern ist mein Untermieter ausgezogen.

Annemarie rang nach Fassung, dass sich ihr Leben in diesem Augenblick um 180 Grad änderte. Dankbar nahm sie sein Angebot an und packte einige Sachen zusammen.

Die Explosion, ein seltener Zufall oder das Glücksdenken eines Kindes beim Löwenzahnpusten, hatte Annemarie ihren späteren Ehemann beschert.

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Foto: fotolia-24401279

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