Was will ich wirklich

veröffentlicht: Juni 16, 2019 von Brigitte Beermann

Fragezeichen, viele, buntSie fühlte sich entsetzlich. So müsste sich jemand nach einem langen schweren Kampf fühlen. Ihr Leben hatte jeden Sinn verloren. Sie hatten sich gegenseitig Vorwürfe gemacht und nur noch gestritten. Er hatte schließlich seine Koffer gepackt und war ausgezogen. Der Kampf schien zu Ende, so dass sie Erleichterung empfand. Doch nun stand sie vor dem Nichts: ihre Pläne, ihre Träume und ihre Ziele waren mit einem Schlag wie weggewischt. Wie sollte und wie konnte es bloß weitergehen?
Ihre Freundin war sofort gekommen. Es tat gut, jemandem alles zu erzählen. Auch ihr hatte sie die Frage gestellt: "Was soll ich denn jetzt machen?"

Die Freundin hatte sie lange angesehen und ihre Worte gehört: „Was ist Dir jetzt wichtig? Was willst Du wirklich?"“
Zum Abschied hatten sie sich umarmt. Die Freundin ließ sie mit dieser Frage zurück.

„Was will ich wirklich? Was ist mir wichtig“
Das waren sehr gute Fragen, auf die sie im Moment nur eine Antwort fand:
„Ich weiß nicht, was ich will, und im Moment will ich eigentlich überhaupt gar nichts mehr.“

Ihr Blick fiel auf den Brief, den ihr ihre Mutter am Sonntag kurz vor ihrer Abfahrt mitgegeben hatte.
Die Anschrift hatte sie selbst geschrieben, vor fast zwanzig Jahren. Als Absender las sie die Adresse von Frau Schmidt, ihrer Berufsschullehrerin.
Mit einem Messer riss sie den Umschlag auf.
Sie erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem Frau Schmidt mit ihnen ein Experiment gemacht hatte. Frau Schmidt wollte, dass sie alle an sich selbst einen Brief schrieben. Sie sollten ihre Träume aufschreiben. Das, was sie sich vom Leben wünschten.
Sie holte das Blatt aus dem Umschlag heraus und faltete es auseinander. Und dann sie begann zu lesen. Beim ersten Satz lächelte sie überrascht.

„Was will ich wirklich?“, stand oben auf dem Zettel.
Es war genau die gleiche Frage, die ihre Freundin ihr vorhin gestellt hatte.
Sie las weiter:
Was will ich wirklich?
Ich will leben, auch wenn’s mal weh tut.
Ich will alles, was ich erlebe, auskosten, die Freude, die Liebe und das Glück,
und auch die Trauer, den Kummer und den Schmerz.
Auch will ich fühlen und spüren und wieder ruhig werden, wenn alles im Chaos versinkt.
Ich will immer wieder den Mut haben, neu anzufangen.
Ich will nach dem Leben suchen.
Auch, wenn ich das Gefühl habe, es ist irre weit entfernt.
Ich will leben, auch wenn es weh tut.
Ich will mein Leben finden - ich will mich finden.

Sie legte das Blatt auf den Tisch, strich es mit den Händen glatt. Und fühlte sich ein klein wenig besser als zuvor.
Ein kurzer Brief an sie selbst. Lange her und immer noch gültig:
Ich will leben, auch wenn es mal weh tut.
Ich will mein Leben finden - ich will mich finden.
Auch jetzt wieder.

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Foto: pixabay

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