Ausflug in das vorige Jahrhundert - Rechtschreibung – was ist das?
Vor langer Zeit kam ich 1963 in die Hauptschule. Ich hatte einen wunderschönen ledernen Schulranzen, an dem ein Schwamm baumelte. Eine Tafel hatte ich und Griffel und eine Zuckertüte – fast so groß wie ich. In meinem von meiner Mutter genähten Dirndlkleid stand ich da. Der lange, dicke, blonde Zopf ging mir bis zum Po, und ich freute mich auf den ersten Tag in meiner Schulklasse. Ich freute mich darauf, Lesen, Rechnen und Schreiben zu lernen. Ich war aufgeregt was noch alles kommt.
Die ersten Schultage waren vorbei. Auf der Heimfahrt im Bus wurde ich nachdenklich: Wieso sprachen die Kinder so anders? Ich verstehe kein Wort von dem was die sagen, die einzige die ich verstehe ist die Lehrerin.
Meine Botschaft daheim an meine Mutter war daraufhin folgende: "Mutti – ich heirate nie einen Eingeborenen" (die kannte ich aus den Büchern meiner Eltern über Australien und andere Länder).
Ja als Thüringerin kann es schon zu sprachlichen Verwirrungen kommen, zumal wenn ich dann auch noch im für mich tiefsten Niederbayern – Ergolding bei Landshut eingeschult wurde. Wer die niederbayerische Sprache kennt, wird mich verstehen.
Ich sprach ein fast einwandfreies Hochdeutsch und tat mich infolgedessen auch mit der Rechtschreibung sehr leicht. Es machte mir Freude, Diktate und Aufsätze zu schreiben. Ich hatte die Rechtschreibung ja drauf.
Heute mit über 60 geht die geliebte Rechtschreibung mit mir ganz seltsame Wege. Da wird groß geschrieben, was früher klein geschrieben wurde und umgekehrt. Da kommt ein H an Stellen, wo es früher auf keinen Fall hin durfte. Da sind plötzlich drei SSS – wo früher ein sogenanntes scharfes S (ß) den Dienst erfüllte. Und das Trennen der Silben – oh Du lieber Himmel – da wird wild drauf los getrennt.
Wen wundert es, dass die Jugend kaum noch weiß, wie was geschrieben wird und was Rechtschreibung ist. Ich bemerke immer wieder, dass junge Kollegen mit Abi es kaum schaffen, einen Geschäftsbrief fehlerfrei und mit richtiger Zeichensetzung auf’s Papier zu bringen. Wie weit ist es gekommen?
Ich bin gespannt, wann die Frage auftaucht: "Rechtschreibung – was - darf ich jetzt nur noch mit rechts Schreiben? Oder darf ich auch die linke Hand nehmen?"
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